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Kulturstaatsminister

21. Oktober 2011

Pressemitteilung:
382
Ausgabejahr:
2011

10 Filme für den Deutschen Kurzfilmpreis 2011 nominiert

Aus 251 wettbewerbsfähigen Filmvorschlägen sind von den Jurys Deutscher Kurzfilmpreis insgesamt 10 Filme nominiert worden. 

Kulturstaatsminister Bernd Neumann wird am 24. November 2011 in Potsdam den Deutschen Kurzfilmpreis 2011 verleihen. Filmpreise in Gold können vergeben werden für Spielfilme mit einer Laufzeit bis 7 Minuten und von mehr als 7 Minuten bis 30 Minuten Laufzeit, für Animations-/Experimentalfilme und für Dokumentarfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten. Die Kurzfilmpreise in Gold sind mit einer Prämie bis zu jeweils 30.000 Euro verbunden. Im Zusammenhang mit dem Deutschen Kurzfilmpreis kann ein fakultativer Sonderpreis für Filme mit einer Laufzeit von mehr als 30 bis 78 Minuten Laufzeit vergeben werden, der mit einer Prämie bis zu 20.000 Euro verbunden ist.

Aus 251 wettbewerbsfähigen Filmvorschlägen sind von den Jurys Deutscher Kurzfilmpreis (Spielfilm) und Deutscher Kurzfilmpreis (Animations-/Experimentalfilm, Dokumentarfilm, Sonderpreis) insgesamt 10 Filme nominiert und der Sonderpreis vergeben worden. Mit der Nominierung ist eine Prämie von 15.000 Euro verbunden. Die Nominierungsprämie wird auf den Filmpreis in Gold angerechnet.

Die Jury Deutscher Kurzfilmpreis (Spielfilm) entschied in der Zusammensetzung Frank Becher, Berlin (Produzent), Kathrin Häger, Köln (Filmkritikerin, Drehbuchlektorin), Andrea Hohnen, Berlin (Programmleiterin FIRST STEPS), Stefan Kornatz, Berlin (Regisseur, Autor) und Anke Lindenkamp, Hamburg/Mainz (Vorsitzende der Jury, Redakteurin ZDF/ARTE).

Die Jury Deutscher Kurzfilmpreis (Animations-/Experimentalfilm, Dokumentarfilm, Sonderpreis) setzte sich wie folgt zusammen: Alexandra Gramatke, Hamburg (Geschäftsführerin der KurzFilmAgentur Hamburg), Ralf Kukula, Dresden (Produzent), Meike Martens, Köln (Produzentin), Ulla Schmidt, Aachen/Berlin (Mitglied des Deutschen Bundestages) und Daniel Sponsel, München (Vorsitzender der Jury, Leiter des Int. Dokumentarfilmfestivals München).

Für den Deutschen Kurzfilmpreis 2011 sind folgende Filme nominiert worden:

Spielfilme mit einer Laufzeit bis 7 Minuten

„Nun sehen Sie Folgendes“
Hersteller:  Kamerapferd, Daniel Thomaser, Berlin
Regie u. Drehbuch: Erik Schmitt, Stephan Müller
Laufzeit: 5 Minuten

Ein 5-minütiger Filmkurs, der wie ein rasantes making-of einschließlich Regieanweisung und Filmanalyse daherkommt. Eine No-Budget-Produktion voller Witz und Selbstironie besonders dann, wenn die didaktische Sprecherstimme auf ein vergessenes Stativ links im Bild oder die Spiegelung des Filmteams in der Fensterscheibe hinweist.

Eine Filmszene wird mit klassischen Zutaten inszeniert: der sympathische Held, sein Gegenspieler, die Filmschönheit und die wartende Oma. Ab der Aufblende werden dabei Inhalt und Inszenierung von einer Sprecherstimme beschrieben, kommentiert und hinterfragt. Unter dauernden Hinweisen auf die technischen Tricks, deren Durchschaubarkeit Teil des Ganzen ist, treibt die Geschichte nach Konfrontation, Verfolgungsjagd und dramatischem Show down ihrem Ende entgegen.

„Nun sehen Sie Folgendes“ ist eine der in diesem Jahr überdurchschnittlich stark vertretenen, meist karikierenden filmischen Reflektionen über das Filmemachen und seine Gesetze. Hier geschieht dies mit Witz, viel Gespür für Rhythmus und dem anarchischen Charme von gekonntem no-budget Kino.

Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als 7 bis 30 Minuten Laufzeit

„Fluss“
Hersteller: Think Tank Filmproduktion, Dirk Decker, Hamburg
Regie u. Drehbuch: Michael Venus
Laufzeit: 14 Minuten

Thomas ist ein Trennungskind. Er lebt bei seiner Mutter. Mit seinem Vater und dessen Freunden geht er Angeln. Als er einen Aal fängt, trampelt er das Tier wie in einem Rausch zu Tode. Seiner Mutter sagt er davon nichts, so wie er es seinem Vater versprochen hat.

„Fluss“ ist ein Film, der es mit einfachen erzählerischen Mitteln schafft, aus etwas Alltäglichem etwas ganz großes zu machen! Was die Trennung der Eltern für den Jungen bedeutet, wird nicht erklärt, sondern für den Zuschauer unmittelbar erfahrbar. Filmisches Handwerk wird hier in einem bemerkenswert angemessenen Verhältnis zur Geschichte, zu den Figuren und zum Thema eingesetzt. Enttäuschung, Wut und Aggressionen schlummern in dem Kind, bis die emotionale Not wie eine Urgewalt ausbricht. Erfrischend kraftvoll und äußerst berührend nähert sich der Film dem Zwiespalt, in dem der Junge steckt und vermeidet dabei jede Art von schwarz-weiß Malerei.

„Hinter den sieben Bergen“
Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin
Regie: Günther Franke
Drehbuch: Josa-David Sesink
Laufzeit: 30 Minuten

„Hinter den sieben Bergen“ zeigt eine unter Drogeneinfluss stehende, erotisch aufgeladene „ménage à troi“. Eine Frau und zwei Männer, alle drei sind jung, schön, lässig, ausgeflippt und potent, verbringen zusammen den Sommer. Sie geben sich dabei dem Rausch ihrer Gefühle hin, steigern ihr glückvolles Erleben durch Musik, Drogen und Sex. Es gelingt ihnen jedoch nicht, ihr Glück gleichermaßen festzuhalten.

Günther Franke hat mit seinen Schauspielern und seinem Team eine äußerst bemerkenswerte, narrative Montage geschaffen, die mit „Bergmannscher‘ Wucht“ von Liebe und Glück anhand des Spiels zu Dritt und der ihm innewohnenden Erotik erzählt. Verwoben mit Elektro-Klängen und den Farben eines Sommers, werden sinnliches Erleben und das Hinterfragen von Liebe und Glück auf herrlich eigenwillige und mutige Weise für den Zuschauer spürbar gemacht.

Im Nachklang sind es die „Fragmente einer Sprache der Liebe“ (Roland Barthes), die diesen Film lebhaft in Erinnerung halten. Kino pur!

„Leben lassen“
Hersteller: Via Distelberg Produktion, Felix Charin, München/Berlin
Regie u. Drehbuch: Felix Charin
Laufzeit: 29 Minuten

Wie ist es, wenn am Ende des Lebens nur noch der Schrecken in Erinnerung bleibt? Der Schrecken, den man verbreitet hat, den man aber auch selbst erleben musste. Johann Kreutz war SS-Offizier in Russland. Heute ist er inkontinent, bettlägerig und dement. Irina, seine neue Pflegerin, weiß zunächst nichts von dieser Vergangenheit. Das ändert sich, als sie – die Russin - beim Waschen die SS-Tätowierung des Alten erkennt.

Felix Charin erzählt diese Geschichte ganz nah an seinen beiden Figuren. Was in der Vergangenheit war, erfahren wir nicht. Das hier und heute zeigt uns „Leben lassen“ dagegen mit enormer Intensität. Das ist ungemein spannend anzusehen. Ganz besonders wegen der beiden herausragenden Schauspielern Horst Sachtleben und Natalia Bobyleva. Ohne jemals zu moralisieren wirft der Film mit seiner präzisen Kameraführung ein eindringliches Licht auf die großen Fragen unseres Wertekanons, auf Fragen von Schuld und Sühne, Vergeben und Barmherzigkeit.

„Synkope“
Hersteller: Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg
Regie: Nora Fingscheidt
Drehbuch: Nora Fingscheidt, Carl Gerber
Laufzeit: 25 Minuten

Familienvater Matthias hat seine „Liebsten“ zum Grillfest versammelt: Selbstbewusst prahlt er mit dem frisch gekauften Eigenheim, durch das er Tochter, Ex-Frau und deren neue Partner wie ein Makler des neuen Ichs führt. Die Mauer muss weg, die Tochter, die eigentlich mit ihrem Verlobten auswandern will, soll hier ein eigenes Refugium bekommen und der neue Mann seiner Ex-Frau hat sowieso nichts drauf. Immer mehr trinkt Matthias, immer schärfer werden seine Spitzen und immer offensichtlicher seine Einsamkeit.

Mit intensivierter Unmittelbarkeit macht uns die Handkamera zum Gast und Zeugen einer unterschwelligen Angst und Wut, die eine Hülle der Souveränität zu zerbrechen droht. Die zukunftsorientierte Fröhlichkeit wird zur mühsam aufgerichteten Fassade, die vergangenen Vatermühen zum Holzhammer-Argument gegen die eigene Tochter – und das durch eine großartig aufspielende Inkarnation verletzter Männlichkeit. Fantastisch geführt, spannend und berührend zeigen uns die Darsteller einen familiären Mikrokosmos voller mal lauernder mal ahnungsvoller Blicke und Gesten. „Synkope“ verschafft uns einen räumlich und zeitlich begrenzten, aber umso kraftvolleren Einblick in ein Beziehungsgeflecht, das an Verlustangst zu zerreißen droht.

„Von Hunden und Pferden“
Hersteller: Gemeinschaftsproduktion der Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg und Departures Film GmbH, Leipzig
Regie u. Drehbuch: Thomas Stuber
Laufzeit: 30 Minuten

Dies ist die Geschichte vom armen dicken Mann, der seinen alten hinkenden Hund so sehr liebt, dass er alles auf eine Karte setzt, damit sie zusammen bleiben können, bis der Tod sie scheidet.

Eine Liebesgeschichte also. Außerdem: eine Liebeserklärung. An das schwarzweiße Kino von Fritz Lang bis Wim Wenders, an die Kunst, mit Licht und Schatten und harten Kontrasten zu erzählen. Und schließlich: ein Märchen. Aber eins von der Grimm'schen Sorte, finster und präzise: So essen und schlafen Mensch und Hund von 350 Euro im Monat. Leer-gepfändet ist die Wohnung eines leidenschaftlichen Pferde-Wetters. Bitter schmeckt das Hoffnungsfieber nach dem Rennen. Kalt und düster sieht Boomtown Leipzig von unten aus. Aber dann hält auf der Leipziger Pferderennbahn die Welt den Atem an, in den paar Minuten, die über alles entscheiden. Zeitlupe, Mann und Hund und Pferd. Und plötzlich liegen zwischen Poesie und Realismus nur ein paar Mundharmonika-Töne. Wunderbar!

Animations-/Experimentalfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten

„I’m not the Enemy”
Hersteller:  Limbolandproductions, BjØrn Melhus, Berlin
Regie u. Drehbuch: BjØrn Melhus
Laufzeit: 13 Minuten

Eingeschneite deutsche Behausungen, von einem Balkon hängt eine Deutschlandfahne. Drinnen, im heimeligen Wohnzimmer sitzt ein bärtiger Kriegsheimkehrer, ein Fremdkörper im elterlichen Zuhause. Schon in den ersten Einstellungen wird der Bogen zwischen Absurdem und Unheimlichem gespannt, der den ganzen Film auszeichnet.

Den Figuren werden Zitate aus US-Kriegsheimkehrerfilmen in den Mund gelegt. In unermüdlichen Wiederholungen einzelner Sätze laufen die Dialoge ins Leere und erzählen zugleich all die amerikanischen Geschichten, die wir irgendwann schon mal im Fernsehen gesehen haben und die sich tief in unserer kollektiven Erinnerung abgelagert haben, wo sie sich mittlerweile mit anderen medialen Kriegserfahrungen vermischen.

Wir bekommen Einblick in die Einsamkeit und Verzweiflung des Heimkehrers, der an posttraumatischen Belastungsstörungen leidet und sich niemandem mitteilen kann. So spiegelt der Film zugleich die Unfähigkeit unserer Gesellschaft, mit den Folgen ihrer eigenen Kriege umzugehen.

Durch die perfekte Montage auf der Bild- und Tonebene stößt der Film so viele Türen auf, dass wir nicht mehr unterscheiden können: Was ist Wirklichkeit, was Traum, was Trauma. Ein wichtiges Thema und ein meisterhafter Film, den man nicht mehr vergisst.

„Sonntag 2“
Hersteller: Jochen Kuhn, Ludwigsburg
Regie u. Drehbuch: Jochen Kuhn
Laufzeit: 12 Minuten

Ein namenloser Mann geht in einer namenlosen Stadt zu der allerletzten Aufführung eines namenlosen Theaters. Zwischen dem Mann und seiner Mutter, die er unerwartet als Schauspielerin im Theater wiedersieht, entspinnt sich eine schemenhafte Geschichte die raffiniert zwischen Wirklichkeit, Traum und Albtraum changiert.

Einmal sagt der Mann: „Ich kannte Niemanden. Man hat schon so viele Menschen getroffen - und immer wieder kennt man keinen.“ Dieser Satz ist schon fast frech in seiner Beiläufigkeit, im betonungslosen Verstecken des Ichs. Und eben das ist es, was die Größe des Films ausmacht: Die unauflösbare Verbindung von Traum, von Fiktion erzählt durch scheinbar alltäglichste Ereignisse. Dieses Ich könnte jeder von uns sein.

Die zeichnerisch überragenden Bilder ziehen den Zuschauer in eine ureigene Welt, die jenseits dieser zeitlosen Ästhetik stilsichere Atmosphäre schafft. Auch dieser Film von Jochen Kuhn besticht durch eine selten erreichte Kohärenz von Form und Narration. „Sonntag 2“ ist Jochen Kuhn von seiner besten Seite.

Dokumentarfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten

„Die Frau des Fotografen“
Hersteller: Philip Widmann, Berlin
Regie: Karsten Krause, Philip Widmann
Drehbuch: Philip Widmann
Laufzeit: 30 Minuten

Vierzig Jahre hat Eugen Gerbert seine Frau Gerti fotografiert. Im Hochzeitskleid, noch ins Fotoalbum eingeklebt. Zunächst „um der Vergänglichkeit der Zeit in den Arm zu fallen“: Tafel 1: „es war so, “Tafel 2: „schön“. Erste Aktaufnahmen, zunächst in der Silhouette oder Unschärfe. Im Verlauf der Zeit und des Films immer unverhüllter, Gertis ganzen Körper zeigend. Unzählige, in Kartons verstaut, zwischen Familienfotos, Urlaubsimpressionen, Selbstbildnissen, Filmaufnahmen des Entwickelns und der Welt. Von Karsten Krause und Philip Widmann in ihre Serialität vertont mit „Erinnerungen und Berichten“ des Fotografen, die Ferienorte, die erste Depressionsphase und die neue Arbeitsstelle akribisch auflisten. Erweitert um ihre Beobachtungen mit Gerti heute, mit ruhiger Kamera, in denen sie wieder Objekt, die Protagonistin ist, „immer ich, immer ich“, immer auch in der Kontrolle, welche Bilder in welche Kategorie „1: die guten, harmlosen bis 3: „die nicht vorzeigbaren“ eingeordnet oder von ihr zerrissen werden.

Die Bilder zeigen mehr als Gerti, oft posierend, auch für die Filmemacher, zwischen routiniert und ungelenk. Sehen und Gesehen werden entwickeln sich zu Frauen- und Männerbildern, Beziehungsbildern.

Große Fragen, an denen es sich trefflich scheitern ließe. Von Gerti und Eugen für ihr gemeinsames Leben beantwortet, von den Filmemachern in 30 Minuten filmisch offen und spannend kompiliert.

„Veronika“
Hersteller: Mark Michel, Leipzig
Regie u. Drehbuch: Mark Michel
Laufzeit: 7 Minuten

Unter Zuhilfenahme welcher Mittel vermag ein Autist mit der Außenwelt zu kommunizieren? Veronika, achtzehn Jahre alt, ist die Protagonistin eines berührenden und sensiblen Films. Durch ihren Autismus bedarf es außergewöhnlicher Wege, Ihre Bedürfnisse und Befindlichkeiten zu kommunizieren. Wahrnehmung ist für Veronika anders definiert. Welche Sinne sind wichtig? Welche kann sie nutzen und welche bleiben ihr für immer versagt?

Sie erfindet das Sandmädchen als Metapher für ihren körperlichen und seelischen Zustand. Filmemacher Mark Michel greift diese Metapher in faszinierenden Sandanimationsbildern von Anne Löper auf und verknüpft sie mit einer dokumentarischen Ebene. Die permanenten Sandmetamorphosen sind eine ungemein zutreffende wie überzeugende visuelle Entsprechung von Veronikas Gedankenwelt, die wie Botschaften aus einem fernen Land anmuten. Die Verflechtung der Animation mit den real gefilmten Teilen entspricht einer folgerichtigen Dramaturgie. Die Konzentration der Dokumentaraufnahmen auf Mutter und Tochter gibt dem Film enorme Dichte. Mark Michel gelingt es mit seinem Film, Einblicke in einen fremden Kosmos gleichermaßen poetisch wie intelligent zu gewähren.