Navigation und Service

Inhalt

Kulturstaatsminister

Donnerstag, 29. Oktober 2009

Ausgabejahr:
2009

Deutscher Kurzfilmpreis 2009 verliehen

Am Donnerstag (29.10.2009) wurde auf einer Festveranstaltung im Reithaus Ludwigsburg der Deutsche Kurzfilmpreis vergeben. Die bedeutendste und am höchsten dotierte Auszeichnung für den Kurzfilm in Deutschland ist in Kooperation mit der Filmakademie Baden-Württemberg verliehen worden.

Anlässlich dieser Verleihung erklärte der Staatsminister für Kultur und Medien, Bernd Neumann: "Der deutsche Kurzfilm ist nicht nur eine eigene Kunstform, sondern auch ein außerordentlich gutes Experimentierfeld für junge Filmschaffende. Deutsche Kurzfilme werden seit Jahren weltweit für ihre Kreativität geschätzt und prämiert. Man kann von einer Erfolgsserie sprechen: 2005, 2007 und 2008 gewannen Filme von Absolventen deutscher Filmhochschulen Studenten-Oscars. Und in diesem Jahr holte Thomas Freydank darüber hinaus sogar den Kurzfilm-Oscar für 'Spielzeugland‘.

Unser Ziel ist es, den Kurzfilm wieder mehr ins Kino zu bringen. Dafür tut die Bundesregierung einiges. Allein im Bereich der Kinoprogrammpreise zeichnen wir gute Kurzfilmprogramme mit insgesamt 110.000 € aus. Ganz neue Wege beschreiten wir mit dem in diesem Jahr verabschiedeten Filmförderungsgesetz. Im Wege einer neuen Fördermaßnahme werden Kinos dabei unterstützt, Kurzfilme regulär als Vorfilme ins Programm aufzunehmen. Diese Fördermöglichkeit wird von den Kinos bereits rege genutzt. Seit der Einführung im Januar dieses Jahres wurden schon 76 Kinos mit insgesamt fast 80.000 Euro gefördert. Ich bin zuversichtlich, dass eine Renaissance des Kurzfilms als Vorfilm möglich ist.“

Mit dem Kurzfilmpreis in Gold für Spielfilme mit einer Laufzeit bis sieben Minuten wurde der Film „Kokon“, Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin in Koproduktion mit ARTE, Regie: Till Kleinert, ausgezeichnet.

Den Kurzfilmpreis in Gold für Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten erhielt der Film „Polar“. Hersteller: Kunsthochschule für Medien Köln in Koproduktion mit Kinomaton München und Dschoint Ventschr Zürich, Regie: Michael Koch.

Der Kurzfilmpreis in Gold für Dokumentarfilme ging an den Film „Wagah“, hergestellt von Detailfilm Gasmia & Kamm GbR, Hamburg in Koproduktion mit Perspective SPC, Kalkutta. Die Regie führte Supriyo Sen.

Den Kurzfilmpreis in Gold für Animations-/Experimentalfilme gewann der Film „Please say something“, Hersteller: David O’Reilly Animation, Berlin, Regie: David O‘Reilly.

Die Begründungen der Jury finden Sie unten.

Für den Deutschen Kurzfilmpreis 2009 wurden insgesamt zehn Filme nominiert. Mit der Nominierung ist eine Prämie von 15.000 Euro verbunden, für den Filmpreis in Gold erhält der Hersteller eine Prämie von 30.000 Euro. Die Nominierungsprämie wird auf den Filmpreis in Gold angerechnet. Die Prämie ist für die Herstellung eines neuen Kurzfilms oder Films mit künstlerischem Rang oder seiner Projektvorbereitung verbunden.

Nominiert waren zusätzlich die Kurzfilme:

  • „Antje und wir“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller und Regisseur: Felix Stienz, Berlin.
  • „Birthday“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller: Fachhochschule Dortmund in Koproduktion mit Andrzej Król (Regie: Andrzej Król).
  • „Fliegen“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Mi-nuten), Hersteller: Carsten Strauch Filmproduktion, Offenbach (Regie: Piotr J. Lewandowski).
  • „Wüste/Außen/Tag“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller: Hochschule für Film und Fernsehen „Kon-rad Wolf“, Potsdam in Koproduktion mit dem RBB (Regie: Mia Grau).
  • „Radfahrer“ (Dokumentarfilm), Hersteller und Regisseur: Marc Thümmler, Zeuthen.
  • „Der Conny ihr Pony“ (Animations-/Experimentalfilm), Hersteller und Regisseur: Robert Pohle, Halle.

Mit dem Sonderpreis für Filme mit einer Laufzeit von mehr als 30 bis 78 Minuten wurde der Dokumentarfilm „Die Haushaltshilfe“, Hersteller: Filmakademie Baden-Württemberg in Koproduktion mit dem SWR (Re-gie: Anna Hoffmann) ausgezeichnet. Dieser Preis ist mit einer Prämie von 20.000 Euro verbunden.

Durch die Preisverleihung führte der Moderator und Schauspieler Dieter Moor.

Als „Deutscher Kurzfilmpreis unterwegs 2009“ gehen alle ausgezeichneten Filme im kommenden Jahr wieder auf eine bundesweite Tournee: www.kurzfilmpreisunterwegs.org

Begründungen der Jury Deutscher Kurzfilmpreis

„Kokon“

Ein Oberstufenschüler lässt sich seine schulterlange Haarpracht auf Nackenlänge stutzen. Er überrascht damit seine Mitschüler. Anhand dieser geradezu banalen Handlung entfaltet „Kokon“ mit großem Gespür für menschliche Innenwelten seine bemerkenswerte Poesie.

Der dialogfreie Film ist so komponiert, dass die titelgebende Gemütslage des Protagonisten für den Zuschauer erfahrbar wird, ohne dass sie auserzählt werden muss. Die Macher erzeugen mit einfachen filmischen Mitteln gewinnbringend ein Gefühl, das sich irgendwo, irgendwann zwischen Pubertät und Adoleszenz verorten lässt, und das eigentlich jeder so oder anders mal erlebt hat. Lesbar als ‚coming of age’ Geschichte aber auch als ‚coming out’, konzentriert sich der Film auf die subjektive Innenwelt seiner Hauptfigur, um diese sichtbar sowie hörbar aufzubrechen und aus ihr herauszutreten. Eine Genese, mit der filmisches Handwerk sehenswert unter Beweis gestellt wird, und ein zartes Erlebnis, das sich mit anderen teilen lässt. Bravo!

„Polar“

Diese Familiengeschichte hat uns von der ersten bis zur letzten Minute gefesselt. Ein erwachsener Sohn, der sich nach längerer Trennung vom Vater unverhofft in dessen neuer Familie wiederfindet und verzweifelt um seine Aufmerksamkeit kämpft. Ein Vater, der ihn immer wieder ins Leere laufen lässt und sich der Situation mit versteinerter Miene zu entziehen versucht. Das Ganze in einer einsamen Berglandschaft, in der es keinen Himmel zu geben scheint und die mit ihren steilen Hängen und Nebelwänden seltsam klaustrophobisch anmutet.

An dem leisen Film über die Sehnsucht nach Nähe und die Schwierigkeit, sie zu erlangen, hat uns alles überzeugt: die sparsamen Dialoge - kein Wort zu viel -, die subtile Schauspielführung - keine überflüssige Geste - und eine insgesamt reduzierte Erzählweise, die vieles aus- und offenlässt, damit aber umso mehr Raum für feine und mehrdeutige Zwischentöne schafft. Die souveräne Kamera bleibt konsequent bei den Figuren und setzt die karge Landschaft so ins Bild, dass sie deren Seelenzustände zu reflektieren scheint. Reduktion auf allen Ebenen also. Herausgekommen ist ein Film von großer atmosphärischer Dichte, der tief berührt, ohne im Geringsten sentimental zu sein.

„Wagah“

‚Wagah’ ist der einzige Grenzübergang zwischen Pakistan und Indien. Die Schließung der Grenztore durch Soldaten beider Länder ist ein allabendliches Spektakel. Die martialische Choreographie dieses simplen Vorganges lockt täglich Tausende von Zuschauern an die Grenze. Singend und tanzend wird von beiden Seiten der bis ins kleinste Detail inszenierte Aufmarsch der eigenen Soldaten angefeuert. Der Regisseur erzählt dieses Schauspiel über den auf indischer Seite lebenden Jungen Manpreet Singh, der durch den Verkauf von DVDs dieses Ereignisses seine Familie unterstützt.

Die große Leistung des Dokumentarfilmes ‚Wagah’ ist es, den politischen Konflikt zwischen Indien und Pakistan an diesem Ort ohne große Erklärungen facettenreich darzustellen. Die kluge Montage des Filmes führt den Betrachter langsam von Drachen spielenden Kindern an der Grenze über die volksfestartige Stimmung der Zuschauer zu der absurd anmutenden Vorstellung der Soldaten. Der Rhythmus der Drohgebärden der Soldaten verbindet sich mit dem nationalen Enthusiasmus der Zuschauer - auf pakistanischer Seite ebenso wie auf indischer. Wenn die Fahne eingezogen ist, ist das Spektakel vorbei und es herrscht langsam wieder Ruhe. Eine gefährliche Ruhe, die die Bedrohung im Zusammenhang mit dieser seit 1947 existierende Grenze spürbar macht, obwohl oder gerade weil die Be-völkerung auf beiden Seiten oft eng miteinander verbunden ist.

„Please say something“

„Please say something“ von David O’Reilley ist eine universelle Parabel über Liebe, Einsamkeit und Verlust, die in ihrer originellen Bildgestaltung den Zuschauer in ein einzigartiges Universum und eine dennoch nachvollziehbare moderne Lebenswelt hineinzieht. Trotz der reduzierten grafischen Gestaltung, die in ihrer Flächigkeit an frühe Computerspiele erinnert, und den Brüchen einer optionalen Erzählweise entfaltet die Animation eine emotionale Intensität und eine glaubwürdige Humanität. Die Computeranimation, die bewusst auf fotorealistische Effekte verzichtet, verkommt nie zum Selbstzweck, sondern ermöglicht die Verdichtung einer komplexen Handlung, wie man es sich von einem Kurzfilm wünscht. Die Zeichenhaftigkeit der Animation und die perspektivische Verfremdung des Stadt- und Wohnraums wirken zunächst kühl und abstrahiert wie ein Edward Hopper-Gemälde, schaffen jedoch den idealen Rahmen einer leidenschaftlichen Liebesromanze. Auch die Tonebene erscheint zunächst mit ihrem niedlich-minimalistischen Duktus absolut inadäquat, dieses anrührende Beziehungsdrama zu transportieren. Aber auch hier stellt sich schnell der gegenteilige Effekt ein. So lässt einen diese eigentümliche kleine Pixel-Lovestory zwischen Katze und Maus weit aus berührter zurück als manch eine hochkarätig besetzte Großproduktion.

„Die Haushaltshilfe“

Drei Menschen in einer Zwangsgemeinschaft: Die 29jährige Martina aus der Slowakei hat - auf Wunsch ihrer Mutter - einen Pflegejob bei einem sehr gebrechlichen alten Ehepaar am Bodensee angenommen. Während Martina sich fremd fühlt und Heimweh hat, ist die Hausherrin Lore (75) zunehmend unzufrieden mit der teuer bezahlten Arbeitsleistung. Nur Max (87) freut sich die junge Frau zu sehen.

In beklemmenden Bildern - aus erstaunlicher Nähe gedreht - tritt die Unvereinbarkeit der Erwartungen und Vorstellungen beider Seiten zu Tage. Die genaue Beobachtung zeigt wie unter einer Lupe die Mechanismen der wechselseitigen Abhängigkeiten. Die Montage enthält sich dabei einer Wertung, überlässt es vielmehr dem Betrachter, seine Gefühle in das Geschehen hinein zu projizieren. In der Konzentration auf das Kammerspiel-artige liegt die Stärke dieses unprätentiösen Dokumentarfilmes, der einen klugen Beitrag zur Demografiedebatte in Deutschland leistet.