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Kulturstaatsministerin

Donnerstag, 18. November 2010

Pressemitteilung:
436
Ausgabejahr:
2010

Kulturstaatsminister Bernd Neumann verleiht Deutschen Kurzfilmpreis 2010 in Hamburg

Kulturstaatsminister Bernd Neumann hat heute (18.11.2010) in Hamburg den Deutschen Kurzfilmpreis vergeben. Der bedeutendste und am höchsten dotierte Preis für den Kurzfilm wurde in Kooperation mit der Hamburg Media School verliehen.

Kulturstaatsminister Bernd Neumann erklärte in seiner Rede:

„Den Kurzfilm kann man als die kreative Urzelle des bewegten Bildes bezeichnen. Er ist seit jeher ein zentrales Medium des Experimentierens und Pointierens. Neue Techniken fanden hier ihren Ausgang, neue Inhalte, Stile und Erzählweisen wurden und werden erprobt und beeinflussen das gesamte Filmschaffen. Dies zeichnet den Kurzfilm als eigenständiges und innovatives Genre aus, dessen besondere Kunst in der Reduktion auf das Wesentliche liegt. Gerade für den filmischen Nachwuchs an Filmhochschulen und darüber hinaus bietet der Kurzfilm eine geeignete Möglichkeit, sich zu erproben.

Mit ein wenig Optimismus können wir heute sagen, dass der Kurzfilm sich anschickt, auch im Kino wieder Fuß zu fassen. Die neue Förderung zur Aufführung von Kurzfilmen als Vorfilme im Kino wird sehr gut angenommen. So waren es in diesem Jahr bis Oktober bereits 87 Projekte mit fast 100.000 Euro, dass sind im Durchschnitt rd. 1.150 Euro für die Filmtheater, die dem Kurzfilm den ihm zustehenden Platz in unserer Kinolandschaft einräumen. Ich bin zuversichtlich, dass durch diese Maßnahme auch in den kommenden Jahren ein Beitrag dazu geleistet wird, dass Kurzfilme nicht nur ihr Festival- und Internetpublikum, sondern auch wieder verstärkt ihr Kinopublikum erreichen werden.“

Für den Deutschen Kurzfilmpreis 2010 wurden insgesamt zehn Filme nominiert. Mit der Nominierung ist eine Prämie von 15.000 Euro verbunden, für den Filmpreis in Gold erhält der Hersteller eine Prämie von 30.000 Euro. Die Nominierungsprämie wird auf den Filmpreis in Gold angerechnet. Die Prämie ist für die Herstellung eines neuen Kurzfilms oder Films mit künstlerischem Rang oder seiner Projektvorbereitung verbunden. Die Preisverleihung fand in den „Fliegenden Bauten“ in Hamburg statt.

Als „Deutscher Kurzfilmpreis unterwegs 2010“ gehen alle ausgezeichneten Filme im kommenden Jahr wieder auf eine bundesweite Tournee (näheres unter www.kurzfilmpreisunterwegs.org).


 

Mit dem Kurzfilmpreis in Gold für Spielfilme mit einer Laufzeit bis sieben Minuten wurde der Film „Underground Odyssey“, Hersteller: Olymp Film, Köln, Regie: Christos Dassios, Uli Grohs und Robert Nacken, ausgezeichnet.

Den Kurzfilmpreis in Gold für Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten erhielt der Film „Manolo“. Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin, Regie: Robert Bohrer.

Der Kurzfilmpreis in Gold für Dokumentarfilme ging an den Film „Holding Still“, hergestellt von der Kunsthochschule für Medien Köln. Die Regie führte Florian Riegel.

Den Kurzfilmpreis in Gold für Animations-/Experimentalfilme gewann der Film „Love & Theft“, Hersteller: Studio Film Bilder, Stuttgart, Regie: Andreas Hykade.

Nominiert waren zusätzlich die Kurzfilme:

  • Ich bin’s. Helmut“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller: Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg (Regie: Nicolas Steiner).
  • Kafarnaum“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin (Regie: Jasco Viefhues).
  • Lebendkontrolle“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller: Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“, Potsdam, in Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg (Regie: Florian Schewe).
  • Nach den Jahren“ (Spielfilm mit einer Laufzeit von mehr als sieben bis 30 Minuten), Hersteller: Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“, Potsdam (Regie: Josephine Links).
  • Tabakmädchen“ (Dokumentarfilm), Hersteller: Gebrüder Beetz Filmproduktion Berlin GmbH & Co. KG in Koproduktion mit  3Sat (Regie: Biljana Garvanlieva).
  • future past perfect pt. 3 (u_08-1)“ (Animations-/Experimental-film), Hersteller: Studio Carsten Nicolai, Berlin (Regie: Carsten Nicolai und Simon Mayer).


 

Mit dem Sonderpreis für Filme mit einer Laufzeit von mehr als 30 bis 78 Minuten wurde der Spielfilm „Jessi“, Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin in Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin Brandenburg (Regie: Mariejosephin Schneider), ausgezeichnet. Dieser Preis ist mit einer Prämie von 20.000 Euro verbunden. Durch die Preisverleihung hat Moderator und Schauspieler Dieter Moor geführt.

Weitere Informationen unter www.deutscherkurzfilmpreis.de.

Begründungen der Jury Deutscher Kurzfilmpreis

„Underground Odyssey“

Zwei Ganoven erhalten einen geheimnisvollen Auftrag von einer unerkannt bleibenden Dame mit Hund. Den anschließenden Weg durch eine endlose Tiefgarage nutzt der eine, um seinem Kollegen mal eben DIE beiden Epen der griechischen Antike zu erzählen: die Ilias und die Odyssee von Homer – in breitem Kölsch und sechs Minuten! Was bis vor kurzem nach Monumentalwerken verlangte, wird hier in schnörkellosen Schwarz-Weiß-Bildern lässig und mit Witz auf den Punkt gebracht. Perfektes Timing und eine visuelle Gestaltung, die gekonnt mit Fluchtpunkten spielt, erzeugen eine untergründige Sogwirkung. Zeitliche und räumliche Dimensionen scheinen so außer Kraft gesetzt – womöglich auch mit fatalen Folgen für die beiden Protagonisten.


„Manolo“

"Bomber Maik", selbst ernannter Lokalmatador der „Neuköllner Arschbomber“, muss seinen gerade dem Kindertarif entwachsenen Cousin Manolo mit ins Sommerbad Neukölln nehmen. Vor den Zumutungen dieser Freibad-Wirklichkeit verschanzt sich der phlegmatische Manolo sofort hinter seinem Gameboy: ein nackter Yogi beim Kopfstand! Bikini-Schönheiten, die aus unerfindlichen Gründen mal zauberhaft, mal stinksauer sind! Der Furcht erregende Zehnmeter-Sprungturm! Dennoch wird Manolo am Ende dieses schicksalhaften Nachmittags vor der Prüfung aller Prüfungen stehen.

Die witzige "Coming-of-Age-im-Freibad"-Skizze karikiert ihre Protagonisten liebevoll, denunziert sie aber nie. Sie erinnert uns daran, wie viele Dramen der Jugend sich tatsächlich im Freibad abspielen. Vor allem aber ist dieser Film ein hinreißendes Beispiel für fantasievolles Teamwork. Von der James-Bond-Hommage im Vorspann – über die kongeniale Sommermusik im Rhythmus der von der Splashdiving Nationalmannschaft mit Hingabe zelebrierten Paketsprüngen (umgangsprachlich „Arschbomben“) – bis hin zur großartigen Bildgestaltung mit ihren dramatischen Kranfahrten zum Showdown: Es ist die schiere Lust am Filmemachen, die die Jury überzeugt hat. Mehr davon!

„Holding Still“

Seit 20 Jahren ist Janis querschnittsgelähmt. Sie hat seitdem ihr Schlafzimmer nicht verlassen und beobachtet ihre Umwelt durch Überwachungskameras. So wandert sie an Orte, wohin ihre Beine sie nicht mehr tragen: In die Küche, ins Wohnzimmer, in die Nachbarschaft, sogar bis an den Strand.

„When you’re holding still long enough, everything comes to you“, sagt Janis. Entlang dieser Aussage und geführt durch die gelassene Erzählung der Protagonistin komponiert Florian Riegel einfühlsam das Portrait einer Frau, die ihr Schicksal mit außergewöhnlicher Kraft meistert. Langsam und rhythmisch entfaltet er die Geschichte, berührend, doch ohne Pathos. „Holding still“ ist ein Essay über die Macht der Bilder und die Möglichkeiten des Kinos, Grenzen zu überschreiten und verborgene Welten zugänglich zu machen. Wenn Riegel uns am Ende mitnimmt auf Janis geistige Wanderungen und wir mit ihr nach Seaside reisen, sind wir ganz nah und riechen das Meer. Das ist großes Kino in 27 Minuten.


„Love & Theft“

„Love & Theft“ ist eine Hommage an den Animationsfilm. Wie kaum ein anderer Trickfilmer versteht es Hykade, Animation auf die Essenz zu konzentrieren und die Wesensmerkmale dieser Kunstform auf lustvolle Weise zu zelebrieren. In seinen reduzierten Zeichnungen verdichtet er bekannte Charaktere des Animationsfilms, zum Beispiel Betty Boop, aber auch Gesichter der Weltgeschichte wie Karl Marx, die zu Zeichen geronnen sind, zu einer fulminanten audiovisuellen Choreographie. Ein weiteres Wesensmerkmal der Animation ist die Metamorphose, die Hykade auf brillante Art und Weise beherrscht, ohne dass sie zum Selbstzweck wird. In „Love & Theft“ wird Bild und Ton auf vollkommen gleichberechtigte Weise behandelt, um sich als synästhetisches Ereignis gegenseitig zu befruchten. Deshalb muss auch an dieser Stelle die kongeniale Arbeit des Musikers Heiko Maile erwähnt werden. „Love & Theft“ muss auch wegen der Risikobereitschaft gelobt werden, konventionelle narrative Pfade zu verlassen, um eine ganz eigene Verbindung von Cartoon und abstrakter Animation zu schaffen.

„Jessi“

Jessi wird untersucht. Ob alles in Ordnung sei, soweit? Manche Fragen bleiben unbeantwortet, anderes wird ungefragt erzählt. Immer wieder muss sich Jessi – und mit ihr das Publikum – orientieren. Die Rollen stimmen nicht. Jessi manipuliert - und wird doch als Kind herum geschoben. Es gibt keinen Platz für sie, auch nicht den verlassenen Ort ihrer Kindheit, den Ort ihrer Sehnsucht. Die Erwachsenen übertönend und mit der Möglichkeit, sich zu verletzen, schert Jessi sich stattdessen die Haare. Sie bringt die Weichheit an die Oberfläche. Und fordert auf, sie zu spüren.

Die Suche einer 11jährigen, deren Mutter in Haft ist, wird von Mariejosephin Schneider unaufgeregt und doch mit allem Drama erzählt. Vieler Worte bedarf es nicht. Luzie Ahrens Präsenz als Jessi füllt den Film und die Räume für Zwischentöne. Die Bildgestaltung von Jenny Lou Ziegel ist nah bei der Protagonistin, dabei ihre Grenzen wahrend.

Ein Tag und ein Moment, in einem atmosphärisch dichten, berührenden Film von 31 Minuten.