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Kulturstaatsministerin

Freitag, 22. Oktober 2010

Pressemitteilung:
391
Ausgabejahr:
2010

Zehn Filme für den Deutschen Kurzfilmpreis 2010 nominiert

Staatsminister Bernd Neumann wird am 18. November 2010 in Hamburg den Deutschen Kurzfilmpreis 2010 verleihen.

Aus 248 wettbewerbsfähigen Filmvorschlägen sind von den Jurys Deutscher Kurzfilmpreis (Spielfilm) und Deutscher Kurzfilmpreis (Animations-/Experimentalfilm, Dokumentarfilm, Sonderpreis) insgesamt 10 Filme nominiert und der Sonderpreis vergeben worden. Mit der Nominierung ist eine Prämie von 15.000 Euro verbunden. Die Nominierungsprämie wird auf den Filmpreis in Gold angerechnet.

Die Jury Deutscher Kurzfilmpreis (Spielfilm) entschied in der Zusammensetzung Frank Becher, Berlin (Produzent), Alexandra Gramatke, Hamburg (Vorsitzende, Geschäftsführerin der KurzFilmAgentur Hamburg), Andrea Hohnen, Berlin (Programmleiterin FIRST STEPS), Anke Lindenkamp, Hamburg/Mainz (Redakteurin ZDF/ARTE) und Johannes Selle, Sondershausen/Berlin (Mitglied des Deutschen Bundestages).

Die Jury Deutscher Kurzfilmpreis (Animations-/Experimentalfilm, Dokumentarfilm, Sonderpreis) setzte sich wie folgt zusammen: Ute Badura, Berlin (Vorsitzende, Regisseurin/Kamerafrau), Petra Felber, München (Redakteurin Bayerischer Rundfunk), Meike Martens, Köln (Produzentin), Ulla Schmidt, Aachen/Berlin (Mitglied des Deutschen Bundestages) und Ulrich Wegenast, Stuttgart (Künstlerischer Geschäftsführer der Film- u. Medienfestival GmbH Ludwigsburg).

Für den Deutschen Kurzfilmpreis 2010 sind folgende Filme nominiert worden:

Spielfilme mit einer Laufzeit bis 7 Minuten

„Underground Odyssey“

Hersteller: Olymp Film, Köln

Regie: Christos Dassios, Robert Nacken, Uli Grohs

Drehbuch: Christos Dassios, Robert Nacken

Laufzeit: 6 Minuten

Zwei Ganoven erhalten einen geheimnisvollen Auftrag von einer unerkannt bleibenden Dame mit Hund. Den anschließenden Weg durch eine endlose Tiefgarage nutzt der eine, um seinem Kollegen mal eben DIE beiden Epen der griechischen Antike zu erzählen: die Ilias und die Odyssee von Homer – in breitem Kölsch und sechs Minuten! Was bis vor kurzem nach Monumentalwerken verlangte, wird hier in schnörkellosen Schwarz-Weiß-Bildern lässig und mit Witz auf den Punkt gebracht. Perfektes Timing und eine visuelle Gestaltung, die gekonnt mit Fluchtpunkten spielt, erzeugen eine untergründige Sogwirkung. Zeitliche und räumliche Dimensionen scheinen so außer Kraft gesetzt – womöglich auch mit fatalen Folgen für die beiden Protagonisten.

Spielfilme mit einer Laufzeit von mehr als 7 bis 30 Minuten Laufzeit

„Ich bin’s. Helmut“

Hersteller: Filmakademie Baden-Württemberg, Ludwigsburg

Regie: Nicolas Steiner

Drehbuch: Nicolas Steiner, Stefanie Ren

Laufzeit: 11 Minuten

Helmut feiert seinen 60. Geburtstag. Eigentlich ist er ja erst 57, aber seine Frau Gertrud hat sich verrechnet. So ist das nun mal. Helmut ist ein bisschen melancholisch, wenn er - der Deutsche unter Schweizern - lakonisch über sein Leben erzählt. Was übrig bleibt ist die Sehnsucht nach seiner Trompete, die er früher einmal so schön spielen konnte.

Nicolas Steiner gelingt das Kunststück, eine Bildwelt zu schaffen, die die bröckelnde Fassade von Helmuts kleinbürgerlichem Daseins perfekt widerspiegelt. Stück für Stück – und das ist hier ganz wörtlich zu verstehen – werden die Requisiten aus Helmuts tristem Leben beiseite geräumt und Kulissen solange verschoben, bis Helmut am Ende zu sich und seiner Trompete gefunden hat. Zusammen mit seinem Team, speziell zu nennen ist hier die Szenenbildnerin Katarzyna Kornacka, nutzt Steiner in „Ich bins, Helmut“ die spielerischen Möglichkeiten und Freiheiten des Kurzfilms in ganz ausgezeichneter Weise.

„Kafarnaum“

Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Regie u. Drehbuch: Jasco Viefhues

Laufzeit: 23 Minuten

Dieser Film greift ein Thema auf, das nicht oft den Weg auf die Leinwand findet. Zuwendung zu einem kranken Menschen, ja zu einem todkranken Menschen wird feinfühlig in Szene gesetzt. In diesem Film tragen die kleinen Gesten das große Thema, das Pflegen des Gesichtes mit Creme wie in frohen Zeiten etwa, das behutsame Zudecken während an der Tür geläutet wird oder das Abwarten des letzten Atemzuges. Dem Zuschauer wird deutlich, dass nicht nur Pflege, sondern auch die Liebe zur Mutter Zeit erfordert, Zeit, die dem prallen Leben fehlt. Die Zeit ist erforderlich, um an alles zu denken, auch wenn es schmerzvoll um die letzten Dinge geht. Verzicht ist aber nicht gleich Verlust.

Die gewählte Schlichtheit und Ruhe nimmt den Zuschauer emotional mit in das Thema. Die filmische Bearbeitung, realistisch, aber nicht übertrieben, nicht konfliktfrei, aber sicher und die schauspielerische Leistung der Hauptdarstellerin vermitteln dem Zuschauer das Gefühl bei einer wichtigen und guten Tat dabei gewesen zu sein. Das hat überzeugt.

„Lebendkontrolle“

Hersteller: Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“, Potsdam in Koproduktion mit dem Rundfunk Berlin-Brandenburg

Regie: Florian Schewe

Drehbuch: David Möhring, Florian Schewe

Laufzeit: 30 Minuten

Mark sitzt eine mehrjährige Haftstrafe ab. Einziger Lichtblick sind die Besuche seiner Freundin Jessica. Vor seinem ersten Freigang bittet ihn sein Zellengenosse, dessen Tochter Geld vorbeizubringen, das er in einem Boxstudio hinterlegt hat. Für Mark setzt sich damit eine Kette von Ereignissen mit fatalen Folgen in Bewegung. Wenn er abends mit gebrochener Nase und zerstörter Beziehung in den Knast zurückkehrt, scheint er dort fast etwas wie Geborgenheit zu finden.

„Lebendkontrolle“ ist ein von Florian Schewe dokumentarisch recherchiertes, packend inszeniertes Drama um innere und äußere Mauern. Der Dreh fand zum Teil in einer JVA mit Insassen und Wärtern als Komparsen statt und erreicht dadurch ein enormes Maß an Authentizität. Seine ungeheure Wucht verdankt der Film auch der herausragenden darstellerischen Leistung von Gerdy Zint, dessen körperliche Präsenz Marks unkontrollierbare Aggression ebenso wie dessen Verzweiflung erfahrbar macht, nachdem er den Kampf gegen sich selbst und seine Liebe – großartig in der Rolle: Franziska Jünger – verloren hat.

„Manolo“

Hersteller: Deutsche Film- und Fernsehakademie Berlin

Regie u. Drehbuch: Robert Bohrer

Laufzeit: 19 Minuten

„Bomber Maik“, selbst ernannter Lokalmatador der „Neuköllner Arschbomber“, muss seinen gerade dem Kindertarif entwachsenen Cousin Manolo mit ins Sommerbad Neukölln nehmen. Vor den Zumutungen dieser Freibad-Wirklichkeit verschanzt sich der phlegmatische Manolo sofort hinter seinem Gameboy: ein nackter Yogi beim Kopfstand! Bikini-Schönheiten, die aus unerfindlichen Gründen mal zauberhaft, mal stinksauer sind! Der Furcht erregende Zehnmeter-Sprungturm! Dennoch wird Manolo am Ende dieses schicksalhaften Nachmittags vor der Prüfung aller Prüfungen stehen.

Die witzige „Coming-of-Age-im-Freibad“-Skizze karikiert ihre Protagonisten liebevoll, denunziert sie aber nie. Sie erinnert uns daran, wie viele Dramen der Jugend sich tatsächlich im Freibad abspielen. Vor allem aber ist dieser Film ein hinreißendes Beispiel für fantasievolles Teamwork. Von der James-Bond-Hommage im Vorspann – über die kongeniale Sommermusik im Rhythmus der von der Splashdiving Nationalmannschaft mit Hingabe zelebrierten Paketsprüngen (umgangsprachlich „Arschbomben“) – bis hin zur großartigen Bildgestaltung mit ihren dramatischen Kranfahrten zum Showdown: Es ist die schiere Lust am Filmemachen, die die Jury überzeugt hat. Mehr davon!

„Nach den Jahren“

Hersteller: Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“, Potsdam

Regie u. Drehbuch: Josephine Links

Laufzeit: 22 Minuten

Ein Wochenendhaus wird zur Momentaufnahme vergangenen Glücks. Es soll verkauft und nun gemeinsam ausgeräumt werden. Für die Eltern und die erwachsenen Töchter lebt in Momenten eine einst glückliche Zeit wieder auf und alle genießen dies. Nur kurz blitzt auf, dass der Vater als Baustellenleiter die Entwicklung der Mutter zur Autorin nicht akzeptiert hat. In der Nacht werden die Mädchen Zeuge des Liebesspiels der Eltern. Erwartungsvoll kommen sie zum Frühstück und begegnen der Kühle der Realität.

Die Zuschauer werden ohne überflüssige Worte in wechselnde Stimmungen einbezogen, nicht zuletzt dank einer erstklassigen Besetzung u.a. mit Katrin Sass und Andreas Schmidt-Schaller. Dazu eine verzaubernde Location mit großartigen Einstellungen, die ihre Wirkung entfalten dürfen. Nahezu perfekt wird diese kleine Geschichte erzählt.

Animations-/Experimentalfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten

„future past perfect pt. 3 (u_08-1)”

Hersteller: Studio Carsten Nicolai, Berlin

Regie: Carsten Nicolai, Simon Mayer

Drehbuch: Carsten Nicolai, Ken Niibori

Laufzeit: 4 Minuten

Japan, nachts. Ein Mann wirft eine Münze in einen Getränkeautomaten. Erst geschieht nichts, dann liefern zwei Automaten eine kleine Ton- und Licht-Performance: Rhythmen, Sounds, eine Männerstimme, Zahlen blinken wie Geheimcodes auf, werden französisch ausgesprochen. Die Show endet, es gibt doch noch eine Flasche und der Mann fährt davon.

Lapidar und humorvoll setzt Carsten Nicolai die narrative Form ein, um sich in der Länge eines Musikvideos mit dem Thema Automation zu beschäftigen. Es gelingt ihm dabei in minimalistischer Weise ein vergnügliches Spiel mit kinematographischen Elementen auf der Basis seines Musikstückes alva noto . unitxt u_08-1.

„Love & Theft“

Hersteller: Studio Film Bilder, Stuttgart

Regie u. Drehbuch: Andreas Hykade

Laufzeit: 7 Minuten

„Love & Theft“ ist eine Hommage an den Animationsfilm. Wie kaum ein anderer Trickfilmer versteht es Hykade, Animation auf die Essenz zu konzentrieren und die Wesensmerkmale dieser Kunstform auf lustvolle Weise zu zelebrieren. In seinen reduzierten Zeichnungen verdichtet er bekannte Charaktere des Animationsfilms, zum Beispiel Betty Boop, aber auch Gesichter der Weltgeschichte wie Karl Marx, die zu Zeichen geronnen sind, zu einer fulminanten audiovisuellen Choreographie. Ein weiteres Wesensmerkmal der Animation ist die Metamorphose, die Hykade auf brillante Art und Weise beherrscht, ohne dass sie zum Selbstzweck wird. In „Love & Theft“ wird Bild und Ton auf vollkommen gleichberechtigte Weise behandelt, um sich als synästhetisches Ereignis gegenseitig zu befruchten. Deshalb muss auch an dieser Stelle die kongeniale Arbeit des Musikers Heiko Maile erwähnt werden. „Love & Theft“ muss auch wegen der Risikobereitschaft gelobt werden, konventionelle narrative Pfade zu verlassen, um eine ganz eigene Verbindung von Cartoon und abstrakter Animation zu schaffen.

Dokumentarfilme mit einer Laufzeit bis 30 Minuten

„Holding still“

Hersteller: Kunsthochschule für Medien Köln

Regie u. Drehbuch: Florian Riegel

Laufzeit: 27 Minuten

Seit 20 Jahren ist Janis querschnittsgelähmt. Sie hat seitdem ihr Schlafzimmer nicht verlassen und beobachtet ihre Umwelt durch Überwachungskameras. So wandert sie an Orte, wohin ihre Beine sie nicht mehr tragen: In die Küche, ins Wohnzimmer, in die Nachbarschaft, sogar bis an den Strand.

„When you’re holding still long enough, everything comes to you“, sagt Janis. Entlang dieser Aussage und geführt durch die gelassene Erzählung der Protagonistin komponiert Florian Riegel einfühlsam das Portrait einer Frau, die ihr Schicksal mit außergewöhnlicher Kraft meistert. Langsam und rhythmisch entfaltet er die Geschichte, berührend, doch ohne Pathos. „Holding still“ ist ein Essay über die Macht der Bilder und die Möglichkeiten des Kinos, Grenzen zu überschreiten und verborgene Welten zugänglich zu machen. Wenn Riegel uns am Ende mitnimmt auf Janis geistige Wanderungen und wir mit ihr nach Seaside reisen, sind wir ganz nah und riechen das Meer. Das ist großes Kino in 27 Minuten.

„Tabakmädchen“

Hersteller: Gebrüder Beetz Filmproduktion Berlin GmbH & Co. KG in Koproduktion mit 3sat

Regie u. Drehbuch: Biljana Garvanlieva

Laufzeit: 30 Minuten

Die 14-jährige Mümine wohnt in einem Bergdorf in Makedonien. Ihr Tagesablauf wird von der harten Arbeit auf den Tabakfeldern ihrer Familie bestimmt. Die Dorfbewohner gehören einer türkischstämmigen Minderheit an: den Yörüken. Ein Brauch hat sich in der abgelegenen Region erhalten: Männer müssen an die Eltern ihrer zukünftigen Frau einen Brautpreis von 3000 Euro zahlen – vorausgesetzt das Mädchen kann einen ‚einwandfreien’ Lebensweg vorweisen – sonst sinkt der Preis. Mümine will nicht verkauft werden und sie bekommt eine Chance: Sie darf in der Stadt das Gymnasium besuchen.

Die Regisseurin Biljana Garvanlieva führt uns in eine fremde Welt, ohne der Versuchung der Exotik zu erliegen oder vorzugeben, alles erklären oder verstehen zu müssen. Die hervorragend beobachtende Kamera von Susanne Schüle, die immer wieder sehr stimmungsvolle Bilder einfängt, sowie die dramaturgisch klug aufgebaute Montage des Filmes bringt dem Zuschauer den Konflikt der leise rebellierenden Mümine sehr nahe: Ihr Wunsch, Traditionen zu durchbrechen, ist verständlich, gleichzeitig spürt man ihre Fremdheit in der Stadt, in der sie zur Schule gehen wird, und erahnt, wie schwierig ihr Weg sein wird.